Alle Artikel von Udo Tremmel

Gut für’s Klima, gut für die Region: Pilze aus Wittenhagen

Verschiedene Speisepilze

Die Geschichte ist schnell erzählt: Andreas Elsholz, ehemaliger Betriebsleiter einer Großfleischerei in NRW, verliebt sich ins Meer, zieht an die Eastcoast. Angekommen, baut er eine Speisepilzzucht in Wittenhagen im Landkreis Vorpommern-Rügen auf. „Ich wollte noch einmal etwas ganz anderes starten im Alter“, erklärt er im Fernsehen. Er nutzt die Gebäude einer ehemaligen Parkettfabrik, die vielen in der Region noch ein Begriff ist. Neben den Pilzen bietet Elsholz auch Produkte wie vegetarische Quiches mit Pilzen, Pilze in Aspik oder herzhafte Pilz-Bouletten an, alles raffiniert gewürzt und ansprechend zubereitet; der Mann versteht etwas von seinem Handwerk. Vor allem kann er die gesundheitlichen Vorzüge seiner Produkte, die sich gerade für eine fleischarme oder fleischlose Ernährung eignen, überzeugend und gewinnend vermitteln.

Wohl nicht zuletzt deshalb kommen die Pilze gut an auf Wochenmärkten, im eigenen Hofladen und zunehmend auch in der Gastronomie. Auf den Wochenmärkten stehen Junge wie Ältere Schlange, probieren, kaufen, kommen wieder, werden zu Stammkunden und bringen weitere Kunden mit. Bei der Regionalproduktemesse im Oktober 2019 in Greifswald war der Pilz-Verkaufswagen schon zur Mittagszeit leergekauft, neue Ware musste aus Wittenhagen herangeschafft werden. Nachdem der NDR berichtet hat, steht das Telefon nicht mehr still. Es ist, als hätte die Region auf die Edelpilze aus Wittenhagen gewarten. Eine Erfolgsgeschichte.

Was können wir daraus lernen?

1.) Mecklenburg-Vorpommern ist für Food-Entrepreneure und -Aktive aus anderen Regionen  attraktiv. Hier sind Freiräume und Potenziale vorhanden, die es so anderswo längst nicht mehr gibt. Das Land tut gut daran, die vorhanden Beispiele einer kleinteiligen, qualitätsorientierten Lebensmittelwirtschaft – interessante Betriebskonzepte, traditionsreiche und moderne Manufakturen, altes und neues Lebensmittelhandwerk, innovative Produkte, neue Formen der Direktvermarktung online wie offline, solidarische Modelle der Stadt-Land-Beziehung wie Solawis und Food-Coops – besser nach innen wie nach außen hin sichtbar zu machen.

3.) Die Kleinen sind mindestens so wichtig wie die Großen. – Gewiss, jeder Wirtschaftsförderer träumt von der Neuansiedlung großer Unternehmen. Doch auch kleine und mittlere Betriebe sind oftmals vielfach innovativ, findig und sogar resilienter. Die lokale Wertschöpfung und die ökologischen und sozialen Mehrwerte können beachtlich sein, und sie sind vor Ort direkt sichtbar und wirksam. In Produkten der kleinen und mittleren Betriebe der Landwirtschaft und der Lebensmittelwirtschaft lebt die Region – Terroir, Heimat, wie auch immer. Das hat positive Effekte bis hinein in den Tourismus.

3.) Der Erfolg der Pilze aus Wittenhagen vermittelt uns im Kleinen eine Ahnung davon, wohin der gesellschaftliche Trend geht: Gesundheit, Ökologie, Tierschutz und Klimaschutz werden wichtiger. Immer mehr Menschen legen Wert auf bessere Lebensmittel, und es zählt nicht mehr nur billig. Für viele muss nicht mehr jeden Tag Fleisch auf dem Teller liegen, und wenn, dann keines aus der Massentierhaltung.

Hier eröffnen sich ganz neue Chancen für Regionalprodukte, für hochwertige, gesunde Erzeugnisse aus bäuerlicher Landwirtschaft und respektvoller Tierhaltung, aus dem qualitätsbewußten Lebensmittelhandwerk und nachhaltiger Gastronomie.

Unsere Esskultur verändert sich, und der Wandel wird tiefgreifender sein als manche bislang ahnen. Auch im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern. Die Pilze sind erst der Anfang.

Pilzhof Wittenhagen
NDR-Nordmagazin über den Pilzhof Wittenhagen (3 min)

Über Entrepreneure am Meer

Die Küstengebiete und Inseln im Osten von Mecklenburg-Vorpommern werden gerne als intakte Natur gesehen. Das ist durchaus nicht selbstverständlich, denn eine intensive konventionelle Landwirtschaft und ein immer noch anschwellender, automotorisierter Massentourismus setzen Natur und Umwelt im Nordosten zu. Immerhin, durch die Großschutzgebiete, die in den letzten Tagen der DDR geschaffen und über die politischen Umbrüche nach 1989 hinaus bewahrt werden konnten, verfügt die Region offensichtlich über starke ökologische Resilienzen.

Die Kehrseite davon ist: Der Nordosten, Vorpommern, wird als eine Art Naturreservat wahrgenommen, als leerlaufende Region ohne Menschen, als „Wolfserwartungsgebiet“ (wo doch der Wolf längst schon wieder heimisch ist). Hier gibt es Seeadler und Kegelrobben. Die spannenden Geschichten und interessanten Gesichter jedoch, über die es sich zu schreiben lohnt, gibt es hier nicht, sie finden woanders statt. Auch Reisebeilagen namhafter Medien geben diesem Klischee nach.

Genau hier setzt der Band „Vorpommern. Von Menschen und Machern am Meer“ mit Unternehmerporträts an, von der Wirtschaftsfördergesellschaft Vorpommern im traditionsreichen Verlag Hinstorff in Rostock herausgegeben. Um es gleich vorweg zu sagen: Publikationen dieser Art laufen immer Gefahr, zu Werbebroschüren zu mutieren, weil sie Interessen und Eitelkeiten berücksichtigen müssen. Diese Klippe hat der Band umschifft.

Das Publikation liegt im Schnittpunkt aktueller Trends: Die Stimmen mehren sich, die das Leben und Arbeiten in den Großstädten nicht für das Nonplusultra halten. Ein Blick in die Zeitungen zeigt, die Provinz jenseits der Speckgürtel, das richtige, das „platte“ Land, erlebt derzeit eine Renaissance. Und die Idee, Arbeit und Leben besser in Einklang zu bringen, Work-Life-Balance, wird vielen Menschen wichtiger. Hinzu kommt die Digitalisierung, die Entfernungen schrumpfen lässt und Vernetzung und Kommunikation abseits der Metropolen in ganz neuen Maßstäben ermöglicht. Kurzum, das Land als Alternative zu den großen Städten wird in rasantem Maße attraktiver.

Die hier interviewten Entrepreneure sind zunächst denkbar undigital, sie beschäftigen sich mit dem Bau moderner Yachten und naturverträglicher Häfen, steuern große Segelschiffe, spinnen alte Handwerkstraditionen ins Heute weiter, managen Ausflugsflotten und Fischkutter und stellen hochwertige Lebensmittel her.

Alle diese Berufe und Gewerke sind nicht digital im Sinne von virtuell. Doch verbinden sich Handwerkskunst und althergebrachtes Know-how, die hier im Spiel sind, durchaus mit Hightech, nutzen modernste Lösungen zur Kommunikation, zur Fertigung, zur Steuerung von Maschinen und Anlagen, zur Navigation, zur Beschaffung und in der Logistik.

Vielleicht gehört dies zur Signatur des künftigen Arbeitens im Nordosten: praktisch produktiv, oft auch mit einer starken handwerklichen und erfahrungsbasierten Kompontente, zugleich aber auch bildungs- und wissensbasiert, zunehmend digital gestützt, hochtechnologisch und gobal vernetzt.

Dass das vorliegende Buch sich mit Unternehmerinnen und Unternehmern „am Meer“ beschäftigt kommt daher, dass es aus Mitteln des Projekts „South Coast Baltic“ der Europäischen Union gefördert wurde. Man kann es explemplarisch nehmen, es gäbe viele weitere Persönlichkeiten und Branchen, über die zu berichten wäre, darunter vor allem auch Jüngere und Frauen. Letztere sind in dem Band eindeutig unterrepräsentiert.

„Menschen und Macher am Meer“ illustriert die Region als Möglichkeitsraum, wo die Claims noch nicht bis in den letzten Winkel abgesteckt sind, wo Chancen noch nicht erkannt wurden und darauf warten, ergriffen zu werden.

Der Band zeigt etwas von der Vielfalt der Menschen im Nordosten, die oft nur auf den zweiten Blick sichtbar ist. Gerne hätte man noch mehr über die eine oder andere Persönlichkeit erfahren, ihre Motivation, ihr Umfeld. Hier hätte es dem Buch vielleicht gut getan, auf das Porträt zu setzen statt auf die flüchtige Form des Interviews. – Vielleicht in einem Folgeband!

Buch: Vorpommern. Von Menschen und Machern am MeerLars Herde 

Vorpommern. Von Menschen und Machern am Meer
120 Seiten, Rostock 2019

Hinstorff, 20 Euro

Immer dienstags: Regionalmarkt in Barth

Ketchup und andere Würzmittel im Glas

Die Halbinsel Fischland-Darß-Zingst ist bekannt für ihre gut besuchten Wochenmärkte, die über Sommer u.a. in Ahrenshoop, Dierhagen, Prerow, Wieck und Zingst stattfinden. Noch recht jung ist der Regionalmarkt in der Stadt Barth auf dem gegenüberliegenden Festland, in der Saison von Mai bis Oktober. Der Markt weist einige interessante Besonderheiten auf.

Der Regionalmarkt in Barth findet immer dienstags 10–14 Uhr auf dem zentralen Marktplatz statt, unmittelbar an der weithin sichtbaren St.-Marien-Kirche. Die Gründung geht auf einen Kreis von markterfahrenen und qualitätsbewußten Erzeugerbetrieben zurück, der seit 2018 auch den Regionalladen „Alte Gutsgärtnerei Parow“ bei Stralsund betreibt.

Auch im Falle des Regionalmarkts in Barth haben sich die Erzeugerinnen und Erzeuger vorab zusammengeschlossen und sind auf die Stadt zugegangen. Durch gemeinsames Agieren und im geduldigen Dialog mit der Stadtverwaltung und dem damaligen Bürgermeister Stefan Keith konnten sie ihre Vorstellungen hinsichtlich der Qualität des Angebots, der teilnehmenden Anbieter, der Öffnungszeiten, der Anordnung der Stände auf dem Marktplatz u.a.m. weitgehend durch- und umsetzen, so Michelle Rost von der Bio-Rösterei LandDelikat.

Es handelt sich in Barth um einen reinen Lebensmittelmarkt, der gelegentlich durch Kunsthandwerk ergänzt wird. Die berüchtigten Socken- und Miederhändler, Ramsch und Großmarktware sind tabu. Der Kreis der Initiatoren entscheidet demokratisch über die Teilnahme von neuen Anbietern, welche nach Qualitätsgesichtspunkten und im Hinblick auf ein vielseitiges Marktangebot ausgewählt werden. Im Grunde ist dies der Prinzip der Marktgilden, wie es sie früher schon in Städten gab.

Aus Sicht der Initiatoren lief der Barther Regionalmarkt bereits im ersten Jahr sehr erfolgreich. Der Markt wird nicht nur von Touristinnen und Touristen, sondern auch von Einheimischen sehr gut angenommen.

Wichtig für die Entwicklung war, so Michelle Rost, die Erfahrungen laufend auszuwerten, Veränderungen und Anpassungen sofort praktisch in Angriff zu nehmen und flexibel auf Schwächen wie Stärken zu reagieren. So konnte das Angebot in hoher Qualität, ohne Verwässerung, auf die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen hin ausgestaltet werden. Die Selbstverwaltung des Marktes zeitigt hier eindeutig bessere Ergebnisse als die Marktorganisation durch eine überforderte Stadtverwaltung oder durch den Großmarkt Rostock, wie in vielen Gemeinden der Region üblich. Davon konnten wir uns bei unserem Besuch im Juni überzeugen.

Das Beispiel Barth könnte eine Blaupause für weitere Städte und Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommen sein, die mit regelmäßigen, qualitätsorientierten Frischemärkten attraktive Einkaufsmöglichkeiten für ihre Bürgerinnen und Bürger in Ergänzung zu den Discountern und Supermärkten schaffen und dadurch nicht zuletzt die regionale Wirtschaft fördern wollen. Zusammenschlüsse und die Selbstorganisation von Erzeugerbetrieben und Händlern sollten dabei gezielt gefördert werden.

Letzter Markttag in Barth ist übrigens der 29. Oktober 2019 – Zeit genug, um dem Regionalmarkt über Sommer einen Besuch abzustatten. Die Stadt Barth ist durch die Bahn von Stralsund und Rostock aus auch ohne Auto gut angebunden (Umstieg in Velgast). Von Barth aus ist auch die nahegelegene Ostseeküste mit ihren Seebädern und Stränden per Regionalbus (teils mit Fahrradanhänger) und per Schiff schnell erreichbar.

Weitere Märkte auf Fischland–Darß–Zingst (Auswahl)

Regionalmarkt BarthRegionalmarkt BarthRegionalmarkt BarthRegionalmarkt BarthRegionalmarkt Barth

 

Eindrücke vom 3. Norddeutschen Ernährungsgipfel

Strand in Warnemünde mit Strandkörben

„Ernährungsgipfel“ – das klingt vielversprechend. Ernährung ist wichtig und geht alle an. Denn was wir essen und wie es produziert wird, hat massive Auswirkungen auf unsere Gesundheit, auf die Umwelt, auf die Tiere, und es entscheidet mit darüber, ob die Menschheit die Klimakrise bewältigen kann.

Gleich vorweg: Vom Klima war beim 3. Norddeutschen Ernährungsgipfel nicht die Rede, mit einer Ausnahme. Doch der Reihe nach.

Eingeladen hatte die Marketinggesellschaft der Agrar- und Ernährungswirtschaft Mecklenburg-Vorpommern e.V., kurz: AMV Marketinggesellschaft, ins Hotel Neptun in Rostock-Warnemünde, mit Blick auf den Strand und die Ostsee. Der Norddeutsche Ernährungsgipfel wurde gemeinsam mit Partnern aus Hamburg und Brandenburg ausgerichtet. Was genau das Thema der Veranstaltung sein sollte, erschloss sich im Vorfeld nicht so richtig. Um was sollte es gehen? Um Online-Vermarktung, um Regionalprodukte, um den Lebensmitteleinzelhandel?

Die erste Gastrednerin war Hanka Mittelstädt, Vorstandsvorsitzende des Marketingverbands Proagro e.V. in Brandenburg. In der Rede klang an, dass man erst jetzt so recht erkannt habe, welche Absatzchancen die Millionenstadt Berlin im Herzen des Bundeslandes bietet. Es gäbe allerdings in Brandenburg kaum Verarbeitungsstrukturen für Lebensmittel, so Mittelstädt. Tatsächlich geht in dem Bundesland fast alles, was vom Acker oder aus dem Stall kommt, direkt in den Export (im Norden sagt man: über die Hafenkante). Regionales Bio-Gemüse, seit Jahren in Berlin sehr stark nachgefragt, wird in ganz Brandenburg auf weniger als 300 Hektar angebaut, eine Fläche kleiner als der alte Flugplatz Tempelhof in Berlin. Immerhin beginne die Förder- und Strukturpolitik des Landes, so Mittelstädt, sich nun stärker auf den regionalen Markt zu fokussieren.

Unter den nächsten Gastrednern waren die Landesminister Till Backhaus (Landwirtschaft, Umwelt) und Harry Glawe (Wirtschaft, Tourismus). Beide würdigten ausdrücklich die Bedeutung der kleinteiligen Lebensmittelwirtschaft in MV: die Kleinproduzenten, Familienbetriebe, bäuerliche Erzeuger, Manufakturen, das Lebensmittelhandwerk, Hofläden und Regionalläden, wo die typischen Regionalprodukte hergestellt und vertreiben werden.

Die kleineren Produzenten und ihre Qualitätsprodukte bringen „Tradition und Gegenwart“ in der Region zusammen, stellte Backhaus fest. Regionalprodukte seien nicht nur ein bedeutender Faktor für den Tourismus, sondern auch für die hier lebenden Menschen wichtig, betonte Glawe. Gleichzeitig klang in der anschließenden Diskussion durch, dass bislang die kleinteilige Lebensmittelwirtschaft unterschätzt, das Potenzial zu wenig genutzt wurde.

Schließlich hat auch die AMV Marketinggesellschaft erst kürzlich damit begonnen, sich den kleineren Produzenten und Produzentinnen im Land zuzuwenden. Mit dem Ernährungsgipfel sollte nun das Versäumnis im Schnelldurchlauf nachgeholt werden. Und – Überraschung! – die AMV hatte auch gleich zwei Patentlösungen parat. Die Kleinerzeuger, Manufakturen und das Lebensmittelhandwerk sollen sich in Zukunft einfach mehr über den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und online vermarkten.

Darauf folgte ein professionell durchchoreografierter Auftritt einer Expertin und eines Experten aus einem Marktforschungsinstitut, die dem Publikum die neusten Trends aus der Welt der großen Handelsketten Edeka, Rewe, Lidl & Co näherbrachten. Da war viel von Gewinnern und Verlierern, Marktanteilen, Supermarktisierung, neuartigen Ladenkonzepten, Regalaufbauten, Sortimentsbereinigung, Authentizität und Convenience in unschönen Plastikverpackungen die Rede.

Im Anschluss hieran verließen die ersten, durchaus namhaften Inhaber und Inhaberinnen von Manufakturen in MV den Ernährungsgipfel.

Weiter ging es mit Vorträgen von Vertretern von Rewe und einer Discouterkette. Denkwürdig der Auftritt des Rewe-Managers: Wortreich versuchte er, potenziell anwesenden Kleinproduzenten die Angst vorm Supermarkt zu nehmen. Alles easy, Partnerschaft auf Augenhöhe. Wer die Branche kennt, der weiß jedoch, wie die Ketten mit ihren Lieferanten umspringen, weiß um die erbarmungslose Preisdrückerei, der Kampf um die Zehntelmargen, das Reinreden in die Produkte bis in die Rezepturen und Verpackungen. Besser, man hat noch weitere Vertriebsstandbeine, um im Notfall nicht abhängig zu sein. Dass er mehrfach paternalistisch und von oben herab über seine „Schützlinge“ herzog, die teils nicht einmal in der Lage seien, ein Fax richtig zu versenden oder eine Mail zeitnah zu beantworten, das war dem Rewe-Mann wohl gar nicht bewußt.

Klar wurde einmal mehr: die Handelsketten gieren nach Regionalität. Sie versprechen sich davon Glaubwürdigkeit und Erdung, welche die Nahrungsindustrie ihnen nicht liefern kann, allen Bemühungen zum Trotz.

Tatsächlich ignoriert die Empfehlung, in den LEH zu gehen, alle Erfahrungen und Erkenntnisse über die Vermarktung von Lebensmitteln aus kleinbäuerlicher Herstellung, aus Manufakturen und dem Lebensmittelhandwerk. Hier geht es vor allem um Direktvermarktung B2B und B2C, um Hofläden, Regionalläden, Feste, Markthallen, Wochenmärkte und Lieferkisten. Dafür gibt es bereits viele fantastische Beispiele im Land, die unterstützungswürdig sind und ausbaufähig. Für die meisten dieser Produzenten ist der Gang in den Supermarkt kein attraktiver Deal. Er widerspricht oft sogar ihrem Verständnis von Qualität und Produzentenethos. Wenn dennoch im Einzelfall der LEH als Vertriebskanal hinzukommt, umso besser.

Im Hinblick auf den Online-Handel ist es wenig zielführend, wenn jeder einzelne Kleinproduzent seinen Shop aufzusetzen versucht. Die dazugehörigen Pflege- und Marketingleistungen können diese Unternehmen kaum erbringen oder bezahlen. So richtig voran könnten die Produzenten und die Regionalprodukte kommen, wenn sich mehr Erzeugernetzwerke im Land bilden, wenn attraktive Zielgruppen- und Regional-Portale entstehen, die mit dem Tourismus verknüpft und dann mit Köpfchen und Power vermarktet werden. Das setzt voraus, dass die Politik die Beteiligten an einen Tisch holt, Strukturbildung unterstützt, Kooperation und Netzwerke belohnt. Dies könnte auch eine sinnvolle Aufgabe für eine AMV Marketinggesellschaft sein.

Die AMV Marketinggesellschaft selbst muss sich weiterentwickeln, damit sie künftig tatsächlich die Interessen nicht nur der großen Agrarbetriebe, Nahrungshersteller, Verpackungs-, Handels- und Logistikdienstleister, sondern auch die Vielfalt und Vielzahl der kleineren, kreativen und qualitätsorientierten Produzenten im Land repräsentieren kann.

Zu den Standards moderner Konferenzen zählt heute auch eine gute Verpflegung. Hier war der Norddeutsche Ernährungsgipfel leider kein Vorbild. Viel zu viel Fleisch, Wurst, billige Backwaren und Süßes, wenig Obst und Frisches, und tatsächlich nicht ein einziges vegetarisches Gericht. Eine zeitgemäße, klimaverträgliche und gesundheitsfördernde Ernährung sieht anders aus. MV ist bekanntlich das Bundesland mit den übergewichtigsten Bürgerinnen und Bürgern – ein Riesenproblem. Hier könnte ein Ernährungsgipfel künftig Akzente in Richtung gesunder Ernährung setzen.

Apropos Klima. Agrar und Ernährung sind bekanntlich noch bedeutender für die Klimakrise als beispielsweise der Verkehrssektor. Wäre es da nicht gut, wenn bei einem Ernährungsgipfel, der seinen Namen verdient, auch dieses drängende Zukunftsthema eine Rolle spielte?

Der gewitzte Till Backhaus muss dies alles im voraus gewusst haben. Unvermittelt hellte sich des Ministers Miene auf, als er erwähnte, dass er sich mit der Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“ getroffen und mit den Jugendlichen einen landesweiten „Rat für Nachhaltigkeit und Umwelt“ vereinbart habe. Dafür gab es vom Publikum Applaus auf offener Szene. – Also, geht doch!

Käse aus MV kann sich sehen lassen

Ziegen Ziegenhof Sievertshagen

Käse aus Mecklenburg-Vorpommern kann sich sehen lassen: Über 20 Betriebe gehören der Milch- und Käsestraße des Bundeslandes an. Sie verarbeiten Milch nach traditionellen handwerklichen Methoden, viele davon ökologisch. Am östlichsten gelegen ist die Inselkäserei auf Usedom. Im Norden direkt gegenüber der Insel Rügen bei Stralsund liegen der Alte Pfarrhof und weitere Demeter-Betriebe. Um Rostock herum befinden sich Käsereien im Aufbau, und auch eine mobile Käserei ist darunter.

Die Betrieb, die im südlicheren Teil des Bundesland liegen, sind auch vielen Berlinern ein Begriff, etwa die Schafscheune Vietschow oder der Erdhof Seewalde, der mit seinen Milchprodukten die Spitzengastronomie in der Hauptstadt beliefert.

Typisch für die Region sind die vielen Höfe mit Ziegen- und Schafhaltung, die nicht nur viele Frischkäse, sondern auch Ricotta, Salzlakenkäse und raffinierte Weichkäse herstellen. Die Dorfschäferei Palmzin zählte beim Deutschen Käsepreis 2017/2018 gleich mit drei Sorten ihrer Schafmilch-Weichkäse zu den besten Käseproduzenten Deutschlands.

Die Milch- und Käsestraße MV wurde 2015 gegründet und die Zahl der Hofkäsereien wächst erfreulicherweise. Diesen Sonntag, am 28. April 2019, haben etliche der Mitglieder Saisonauftakt und laden ein zum Informieren, Mitmachen und Genießen.

Geöffnet haben die Dorfschäferei Palmzin, die Schafscheune Hofkäserei Vietschow, der Alte Pfarrhof in Elmenhorst, die Dorfgemeinschaft Grimmen-Hohenwieden, die Ostseeländer Hofkäserei der Diakonie in Züssow, der Ziegenhof Sievertshagen, der Sternziegenhof Augzin und das Plauder Käseck, ein auf Hofkäse spezialisiertes Fachgeschäft in Plau am See. Weitere Informationen finden sich auf den Seiten des Verbands für handwerkliche Milchverarbeitung (VHM).

 

Baltic Sea Soulfood

Wo die hölzerne Strandpromenade des Seebads Altefähr im Süden Rügens endet, liegt das Strandhaus. Mit Blick auf den Strelasund, Boote mit weißen Segeln und die Hansestadt Stralsund. Hier ist alles Wasser, Wind und nordisches Licht. Inhaber Michael Mackels kommt aus der Sternegastronomie, war zuletzt Küchenleiter im Berliner Vau. Sein »Baltic Sea Soulfood« ist bewusst niedrigschwellig, dabei souverän arrangiert: Blumenkohl mit Estragon und Kapern, Tomatensalat mit Pernod und Fenchel, Altefährer Strandlachs mit Rösti und Meerrettich, Kabeljau-Bulette mit Senf-Dill-Creme, Grünkohl mit geräuchertem Meersalz und Panch Phoron. Fisch und Fleisch – sommers aus dem Kamado (Keramik-Grill) auf der Terrasse – werden auf Holz oder Stein serviert; Gemüse, Suppen und Salate in Weckgläsern. Das passt! Hausgemachte Kuchen und Eis laden auch nachmittags ein, Kinder sind gerne gesehen.

Strandhaus Altefähr, Strandpromenade 10, 18573 Altefähr, Tel. 038306 624 50

Der Text ist in der Berliner Gastrozeitung EssPress, Ausgabe Dezember 2018, erschienen. 

Die ganze Welt der Inseln

Wenn man selbst auf einer Insel lebt, was liegt näher, als alle anderen Inseln zu sich einzuladen? Und zwar nicht nur die nahen, sondern auch die fernen. Dahlmanns Bazar in der weißen Altstadt von Sassnitz auf Rügen, 100 Meter vom Meer, ist Buchhandlung, Bistro und Kontor zugleich. Hier finden wir die besten Insel-Schokoladen aus São Tomé e Príncipe und Madagaskar, Weine aus Sizilien und Sardinien, Kaffee aus Papua-Neuguinea, Spirituosen, Kapern, Oliven, Öle, Salz u.v.m. Und Literatur von und über Inseln aus allen Himmelsrichtungen, eine gut sortierte Bücherfülle.

Abseits des touristischen Rummels ist dies ein Ort der Besinnlichkeit, kulturellen Inspiration und kulinarischer Genüsse. Zu Letzteren zählen Kleinigkeiten wie Feta in Olivenöl aus dem Ofen, Tapas und Gemüsecremes oder knusprige süße Tartelettes mit Quark und frisch-säuerlichem Sanddorn. Und der wohl beste Espresso der Insel.

Dahlmanns Bazar, Am Alten Markt, Uferstraße 1, 18546 Sassnitz/Rügen, Tel. 038392 67 74 76;
Übernachtungstipp: Villa Martha, Sassnitz

Der Text ist in der Berliner Gastrozeitung EssPress, Ausgabe Dezember 2018, erschienen. 

Genussvolle Touren im nördlichen Vorpommern

Zu Fuß oder mit dem Rad in Nordvorpommern unterwegs – und genussvolle Pausen in Hofläden und Cafés einlegen. Erholung pur! Eine Anfang 2019 neu erscheinene Broschüre des Umweltbüro Nord e.V. enthält 16 sorgfältig ausgesuchte, erprobte Touren, davon zwei auf Rügen. Mit vielen Informationen zu Pflanzen, Sehenswürdigkeiten, Regionalprodukten und Öffnungszeiten. Wobei die An- und Rückfahrt mit Bahn oder Bus erfolgten; die Verbindungen sind jeweils angegeben.

Genusstouren in Nordvommern 2019
Rad- und Wandertouren zu besonderen Cafés
Kostenloser Download (PDF) 

Vorne die Ostsee

»Vorne die Ostsee, hinten die Friedrichsstraße.« – Ja, das wünscht sich der Berliner, wie bereits Kurt Tucholsky wußte. Das hierzu passende »saisonale Magazin« des Berliner Tagesspiegel-Verlags ist seit März 2018 neu am Kiosk. Nett aufgemacht, kurzweilig und unterhaltsam.

Lesenswert das Rostock-Porträt von Grit Thoenissen, ebenso »Kutter bei die Fische«von Daniela Martens, eine Ausfahrt mit einem Wismarer Fischer, und die Radtour von Barbara Schaefer in der Region Fischland-Darß-Zingst. Eher oberflächlich hingegen das Interview mit dem Spitzenkoch Tillman Hahn in Kühlungsborn. Überhaupt: kulinarisch hätte man viel mehr machen können.

Die eingestreuten Advertorials, die das Heft finanzieren, sind leider von sehr unterschiedlicher Qualität, je nach Auftraggeber. Die mecklenburgischen Ostseebäder schalten praktisch Kleinanzeigen, Stralsund bemüht die Edelfeder Erwin Seitz, die Selbstdarstellung der Brauerei Störtebeker wirkt sich wie von einem Praktikanten aus der Marketingabteilung verfasst. Wenn schon redaktionell anmutende Werbung, dann hätte hier eine intensivere Betreuung gut getan.

Das Heft ist von West nach Ost in vier Urlaubsregionen gegliedert. Dabei fällt auf, dass die Tipps und Beiträge über die östlichen Küstenregionen vergleichsweise erratisch sind und inhaltlich zurückbleiben. Wie es scheint, ist in den Augen der Magazin-MacherInnen der Osten vor allem Schauplatz kurzweiliger Familien-, Sport-, Strand- und Sonnenurlaube. Kulinarik, Geschichte(n), Kunst, Kultur sind eher dem Westen des Landes zugeordnet. Der Osten wird gerne als Naturreservat gesehen.

Das ist schade und sollte die verantwortlichen Tourismusmanager nachdenklich machen. Spannende Persönlichkeiten, inspirierende Geschichte und Geschichten gibt es auch in der östlichen Küstenregion zuhauf, man muss sie nicht einmal groß suchen. Aber man muss sie wollen.

Magazin Tagesspiegel Ostsee 2018, ca. 146 Seiten, 9,80 Euro, verfügbar auch als E-Paper

Gutes Brot sichtbar machen

Eine gute Tradition des Handwerks im Nordosten sind die öffentlichen Brotprüfungen. Brot und Backwerk werden dabei öffentlich präsentiert und von Fachleuten bewertet. Interessierte Besucherinnen und Besucher können ebenfalls nach Herzenslust schmecken, riechen, vergleichen, beurteilen und fachsimpeln.

Wir waren bei der diesjährigen Brotprüfung der Bäcker- und Konditoren-Innung Vorpommern-Rügen Anfang Februar 2018 in Stralsund dabei. Verkostet und beurteilt wurden 49 Brotsorten von einem unabhängigen Prüfer des Deutsches Brotinstitut e.V., unterstützt von Innungsobermeistern aus der Region. 33 Brote erhielten die Bestnote »sehr gut«, 13 weitere wurden mit »gut« prämiert.

Wir haben natürlich auch einige Brote probiert. Besonders gut gefallen hat uns das »Pane gusto« aus der Bäckerei Wons in Barth im Stil eines italienischen Ciabatta, jedoch dunkler, da mit hohem Roggenanteil, und angenehm säuerlich. Außerdem der Mohnzopf von der Bäckerei Arndt auf Rügen: kräftiger, dichter Teig, leichte Süße, Kruste mit schöner Textur. Außerdem das »Kartoffel-Urkorn« aus gleicher Backstube: saftig und fein-würzig durch die zurückhaltend eingesetzten Zwiebeln.

Die Prämierungen sind für die ausgezeichneten Bäckereien motivierend und letztendlich auch wirtschaftlich bedeutsam. Die Brotprüfungen machen darüberhinaus die erfreuliche Fülle und Vielfalt an gutem Brot in der jeweiligen Region öffentlich sichtbar.

Wir finden, die Innungen sollten öfter solche öffentlichen Formate nutzen, um für das Handwerk und um Nachwuchs zu werben. Sie könnten dabei noch gezielter auf interessierte Zielgruppen zugehen.

Warum nicht einmal eine öffentliche Brotprüfung mit Publikumsvoting auf einem Marktplatz oder in einer Schule? Denn wie heißt es doch: Handwerk muss klappern!